IRENE BINZ, DIE FRAU IM KOFFERRAUM - PRESSESTIMMEN

Hier finden Sie die ungekürzten Pressestimmen.

Auf der Mauer, auf der Lauer

Tagesspiegel (Christine Wahl, 8. Juli 2011) - Vorankündigung 

 

Bevor sich – wie es die meisten großen Häuser bereits getan haben – auch das umtriebige kleine Theater unterm Dach in Prenzlauer Berg in die Sommerpause verabschiedet, wartet sie noch einmal mit einer geballten Portion Zeitgeschichte auf. Mit Irene Binz, die Frau im Kofferraum (Danziger Str. 101, 8.-10. Juni, 20 Uhr) widmen sich der Regisseur Marc Lippuner und seine Truppe PortFolio Inc. einer Fluchtgeschichte aus der DDR, die der 1991 verstorbene Autor Ronald M. Schernikau nach Gesprächen mit seiner Mutter verfasst hat: Die Protagonistin – eine durchaus lebenslustige und von der sozialistischen Idee im Grunde überzeugte Frau – gerät nach dem Mauerbau am 13. August 1961 in einen tiefen Gewissenskonflikt. Sie muss sich entscheiden, ob sie unter Inkaufnahme aller damit verbundenen Risiken zum Vater ihres Kindes nach Westdeutschland flieht oder aber in der DDR bleibt. Sie wählt die Flucht, mithin den Mann – und wird bitter enttäuscht.

Lippuner und PortFolio Inc. interessieren sich für diesen existenziellen Konflikt gewissermaßen auf eine übergeordnete Art und Weise: Sie nehmen anhand des Monologdramas, das der Schauspieler Michael F. Stoerzer auf der Bühne im Alleingang schultert, die „Weitergabe von Biografien durch Eltern an ihre Kinder“ in den Fokus. Wie wird die Vorstellung von Heimat geprägt oder vorbestimmt? Und kann man sich von diesem Erbe befreien? Dieser Aufarbeitungsversuch deutsch-deutscher Geschichte aus der Sicht junger Leute, die erklärtermaßen zum Zeitpunkt der Wende nur ein unzureichendes Bild von dem hatten, was um sie herum passierte, klingt nach einem sinnvollen Beitrag zum denkwürdigen 50. Jahrestag des Mauerbaus im August.

»Das Leben, es ist dicke«

Ronald M. Schernikaus Geschichte über seine Mutter im Theater unterm Dach

Neues Deutschland (Lucía Tirado, 6. Oktober 2011)

 

Wir sind auf dem Dachboden oder in einer Art Rumpelkammer. Der junge Dichter Ronald M. Schernikau kramt im Nachlass seiner Mutter. Jedes Ding fasst er behutsam an, versenkt sich mit seinen Gedanken in die Zeit, aus der es stammt. Schallplatten mit alten Schlagern legt er auf. Musik und Gesang begleiten ihn auf dieser Reise. Schernikau verehrte seine Mutter Irene Binz. Klug und schön sei sie gewesen, sagt er. Und blind vor Liebe, muss er hinzufügen. Da hängt noch ein Sommerkleid von ihr. Ein paar schicke Schuhe stellt er darunter. Sieht gut aus in der Ausstattung von Halina Kratochwil im Theater unterm Dach.

1981 ließ Ronald M. Schernikau seine Mutter aus ihrem Leben erzählen und zeichnete ihre Worte mit einem Kassettenrekorder auf. Nun findet Schauspieler Michael F. Stoerzer als Schernikau in dem Einpersonenstück „Irene Binz, die Frau im Kofferraum“ eine solche Kassette und spielt sie an. Man hört kurz eine klare Frauenstimme. Für das Stück gesprochen von Judica Albrecht. Unmerklich geschieht eine Verwandlung. Michael F. Stoerzer schlüpft in die Rolle der Irene Binz. Verkleidung braucht es dafür nicht. Das ist nebensächlich.

Der nahtlose Übergang ist vortrefflich inszeniert von Marc Lippuner in der Theaterproduktion von PortFolio Inc. Sie ist nach „Schernikau.Sehnsuchtsland“ und „LiEBK!ND“ das dritte gute Stück in einem Jahr, das Lippuner in Koproduktion mit dem Theater unterm Dach (TuD), unterstützt vom Bezirksamt Pankow und der Rudolf Augstein Stiftung, herausbrachte. In allen wirkte Michael F. Stoerzer mit, beweist sich nun berührend im Monologdrama.

Das Schicksal der Irene Binz ist bewegend. Sie wuchs in der DDR auf und lebte dort gern. Als Lehrschwester in einem großen Krankenhaus war sie anerkannt. Was sie gesellschaftlich umgab, das interessierte sie politisch. Wie die Menschen miteinander umgingen, gefiel ihr. Alles hätte für sie gut werden können, hätte sie sich nicht eines Tages in einen Mann namens Thomas verliebt, der von nun an ihr Leben ruinierte. Erst sah es nicht so aus, aber Thomas wollte schnell zu Geld kommen und das nicht unbedingt auf geradem Wege. Eines Tages verschwand er in den Westen. Ehe er sich entschließen konnte oder wollte, zurück zu kommen, stand die Mauer. Inzwischen war Sohn Ronald schon fünf Jahre alt. Irene liebte Thomas immer noch und ließ sich auf eine Flucht aus der DDR mit ihrem Kind im Kofferraum eines Autos ein.

Was sie dann im Westen erlebte, war haarsträubend, zeigt das Stück. Hätte ein Schriftsteller im Osten seinerzeit solch eine Geschichte für DDR-Leser geschrieben, dann hätten die Leute gesagt „Nun lass es mal gut sein! Das glaubst du doch wohl selber nicht!“ Der von Ronald M. Schernikau hinterlassenen Beschreibung hingegen kann man so etwas nicht entgegensetzen. Er erbte sozusagen das Heimweh seiner Mutter. Sie konnte nicht zurück in den Osten, weil sie als „Republikflüchtige“ fürchten musste, dass man sie einsperrt und ihr das Kind entzieht. Für eine Weile eingesperrt zu werden, das stünde sie durch, sagt sie. Nicht aber eine Trennung von ihrem Sohn. So blieb sie im Westen.

Schernikau kam dann als Erwachsener in den Osten. Zunächst studierte er in Leipzig. 1989 siedelte er aus dem Westen nach Berlin-Hellersdorf über. An Aids erkrankt wurde der Schriftsteller nur 31 Jahre alt. Er starb 1991. Sein wichtigstes Werk war „legende“. Darin finden sich die Erzählungen seiner Mutter in Versform. Die Prosafassung „Irene Binz. Befragung“ erschien 2010. „Ist das nicht ein bisschen dicke?“, fragte sich Schernikau schon. Normalerweise würde er mildern. „Diese Geschichte, glaube ich, durfte ich nicht mildern. Das Leben, es ist dicke...“ Marc Lippuner folgt ihm dabei mit seiner Inszenierung, die in 90 Minuten beim Wesentlichen bleibt. Ein starkes Stück.